Über Märsche

von Sven-Olaf Linke

Tagesleistungen

Nach den Marschtiefen will ich mich im folgenden Artikel nunmehr den Tagesleistungen zuwenden. Dazu werden die Marschleistungen angeführt, von denen die Gerneralstäbler der meisten Länder ausgingen, als auch historisch belegte Marschleistungen aus der Militärliteratur der Zeit.

Sowohl Moltke, die österreichische "Instruction für die Generalstabsoffiziere", als auch Clausewitz geben als durchschnittliche Tagesleistung 3 dt. Meilen (22,5 km) an, die bei mittelmäßigen Wegen in 8-10 Stunden zurückgelegt werden konnten. Auch 4 dt. Meilen / Tag auf längere Dauer galten noch nicht als außergewöhnlich, führten aber bereits zu höheren Ausfällen unter den Truppen. Dabei wurde auf 3 Marschtage dann 1 Ruhetag gerechnet, um Unordnungen beseitigen zu können und Nachzüglern die Möglichkeit zu geben, wieder aufzuschließen und sich ihren Truppenteilen wieder anschließen zu können.
Marschleistungen von 5, 6 oder gar 7 dt. Meilen dagegen sollten den Truppen nur abverlangt werden, wenn die Umstände die dann sehr hohen Ausfallraten rechtfertigten. Denn für das Zurücklegen von 5 Meilen etwa 14 Stunden, für 6 Meilen schon 20 Meilen benötigt wurden.
Zu diesen besonderen Umständen gehörte z.B. die Verfolgung einer geschlagenen Armee, deren Verluste naturgemäß dann noch weit höher lagen und bis zur völligen Auflösung führen konnten, wie etwa der preußischen Armee 1806 nach den Niederlagen von Jena und Auerstedt. Aber auch das Heranführen von noch entfernteren Verbänden kurz vor einer Schlacht rechtfertigte dies natürlich, wie die Gewaltmärsche des Corps Davout, um noch in die Schlacht von Austerlitz eingreifen zu können.
Beispiele, die das oben gesagte bestätigen, finden sich viele. So legte das Corps Soult am Tage vor Jena eine Strecke von 40 km (ca. 5,5 Meilen) zurück, Lannes am Tage vor Saalfeld gar über 44km (fast 6 Meilen). Im Feldzug von 1809 legten die Franzosen vom 18. April ab die Strecke Donauwörth - Regensburg (170 km) in 6 Tagen zurück, also 28 km pro Tag (4 Meilen).

Die angegebenen Tagesleistungen umfassen dabei immer Truppenkörper, die aus mehreren Waffengattungen zusammengesetzt sind. Angaben für Durchschnittsleistungen separater Kavallerie werden nirgends gemacht, so daß man auf Angaben der zeitgenössischen Literatur angewiesen ist. Für den Feldzug von 1806 sind dabei für die Franzosen Leistungen angegeben, die zwischen 6 und 8 dt. Meilen / Tag liegen. Die Angaben beschränken sich dabei aber auf die Zeiträume kurz vor dem Zusammentreffen mit der gegnerischen Armee bzw. auf die Verfolgung des geschlagenen Feindes, sind also sicher nicht als Durchschnitt für einen längeren Zeitraum anzusehen.
Geht man nun davon aus, daß sowohl die Infanterie, als auch die Kavallerie in forcierten Märschen die geschlagenen Preußen verfolgte, ergibt sich, daß die Infanteriecorps täglich 5 bis 6 Meilen, in Ausnahmefällen gar 7 Meilen zurücklegten. In der gleichen Zeit marschierten die Kavalleriedivisionen wie gesagt 6 bis 8, in seltenen Fällen 9 Meilen täglich. Daraus ergibt sich eine um 1/3 höhere Tagesleistung für die Kavallerie. Man geht also sicher nicht falsch, wenn man dieses Verhältnis auch für die gewöhnlichen Marschleistungen gelten läßt, womit sich als Durchschnitt für die Kavallerie also 4 bis 5 dt. Meilen ergeben würde.

Nun zu den unterschiedlichen Tagesleistungen der verschiedenen Armeen. Der Militärliteratur kann man entnehmen, daß die französischen Armeen der napoleonischen Zeit die bei weitem schnelleren Märsche ausführten. Nun lag dies keineswegs daran, das der Franzose schnellere und ausdauernde Beine hatte, wiewohl ihre Armeen bis 1813 kampf- und marschiergewohnter waren, als die ihrer Gegner. Mehrere Gründe führten zu den unterschiedlichen Marschleistungen, die sich im Laufe der Zeit aber immer mehr einander angeglichen haben, wenn sie auch, außer teilweise von den Preußen, nie ganz erreicht wurden.

1. In der preußischen Armee war es bis zur Reorganisation nach 1806 üblich, die Truppen am Ende eines Marsches in feste Quartiere zu legen (das sogenannte Cantonieren), oder aber mittels der im Tross mitgeführten Zelte zu biwakieren. Als Zeit für das Beziehen bzw. Verlassen der Quartiere mußten 1-2 Stunden veranschlagt werden, so daß allein dadurch pro Tag also schon 2-4 Stunden als verloren angesehen werden können. Da die Infanterie nicht mit Mänteln ausgerüstet war, mußte dieses Verfahren selbst auf dem Rückzug noch eingehalten werden, mit den verderblichsten Folgen. Dazu kam noch, daß aufgrund der Lineartaktik sich die Ordnung innerhalb der Verbände nicht lockern durfte, um immer schlagfertig zu sein. War diese Ordnung einmal verloren, konnte sie kaum oder gar nicht mehr hergestellt werden (siehe Rückzug der Hauptarmee nach Auerstedt, die ja im eigentlichen Sinne keine Niederlage erlitten hatte). Dennoch legten die Preußen auf ihrem Rückzug 1806 in 14 Tagen 50 Meilen zurück, was einem Durchschnitt von 3,5 Meilen pro Tag entspricht.
2. Österreicher, Preußen und Russen, wie überhaupt der Rest Europas mit Ausnahme der Franzosen, versorgten ihre Truppen ausschließlich durch das sogenannte Magazinsystem, bei dem die Truppen per Tross aus Magazinen versorgt wurden. Dazu mußte alle 2-3 Tage ein Halt eingelegt werden, um Brot zu backen. Von der Möglichkeit des Requirierens wurde dagegen kein oder kaum Gebrauch gemacht. Vor Jena rühmte z.B. ein Regimentskommandeur vor einem inspizierenden Offizier (Boyen, späterer Kriegsminister), obwohl seine Truppen seit 3 Tagen Hunger litten, von den Kohlköpfen der Felder ringsum keiner fehlen würde.
3. In einigen Armeen, wie z.B. der österreichischen Armee von 1809, war es üblich, die Trains mit Ochsen zu bespannen. Was dies für die Marschleistung bedeutete, kann jeder leicht nachvollziehen. So brauchten sie für Strecke Inn - Eggmühl (140 km) 12 Tage, was einen Durchschnitt von lediglich 12 km pro Tag ergibt (nicht einmal 2 dt. Meilen).
4. Freytag-Loringhoven kommt in seinen Ausführungen zu dem Schluß, daß in den Napoleonischen Feldzügen bei den Franzosen nicht die Tagesleistungen außergewöhnlich waren, sondern hauptsächlich das wiederholte Fortlassen der Ruhetage. Was aber gleichzeitig die bekannt hohen Auflösungserscheinungen zur Folge hatte.

Im allgemeinen wird angenommen, daß die Reduzierung des Trains zu den höheren Marschleistungen der Franzosen geführt hätte, was aber nicht in dem Maße der Fall war (wiewohl sie natürlich dazu beigetragen hat).
Bei notwendig werdenden starken Märschen wurde der Train notfalls schon immer zurückgelassen:
als der Österreicher Lascy 1760 die Diversion der Russen auf Berlin unterstützen wollte, legte er mit 15.000 Mann die Strecke von Schweidnitz über die Lausitz bis Berlin, 45 dt. Meilen, in 10 Tagen zurück, somit also 4,5 Meilen pro Tag. Dewegen kann sicher davon ausgegangen werden, daß die Verringerung des Trains nicht die Hauptursache für die erhebliche Beschleunigung der Märsche war, sondern die veränderte Beitreibung der Verpflegung (das sogenannte "Leben aus dem Land").
Außerdem, bei ihren Rückzügen marschierten die Österreicher genau so schnell wie ihre französischen Verfolger, da sie sich in diesem Fall ihren Magazinen annäherten und der Proviant nicht mehr nachgeführt werden mußte.

Nach den Reformen der preuß. Armee kann diese den Franzosen im Marschieren durchaus als gleichwertig angesehen werden. Dies beweisen die Tagesleistungen der Schlesischen Armee 1813, bei der vor der Schlacht an der Katzbach für das Yorksche Corps Tagesleistungen von 4, teilweise sogar 5 dt. Meilen nachgewiesen sind. Dabei darf nicht vergessen werden, daß dieses Corps zu diesem Zeitpunkt noch aus vielen ungeübten Truppen (Landwehren) bestand und durch den ständigen Regen die Wege völlig aufgeweicht waren. Die Kehrseite der Medaille waren in diesem Zeitraum Verluste von über 6.000 Mann allein des Yorkschen Corps. Auch diese Tagesleistungen sind aber schon forcierte Märsche zu nennen, da bei gleichen Verhältnissen (strömender Regen und "entsetzliche Wege") bei den Anmärschen zur Schlacht von Waterloo kaum mehr als ungefähr 2 Meilen pro Tag erreicht wurden.

Zusammenfassend kann also gesagt werden, daß die folgenden Marschleistungen für Franzosen und ihre Verbündeten als gesichert angenommen werden können (Angaben in dt. Meilen pro Tag):

Formation

normale

starke

forcierte

Gewaltmärsche

gemischte Truppenverbände

3

4

5

6-7

Kavallerieverbände

4

5

6

8-9

Im Rahmen von Simulationen sollten dazu die erreichbaren Marschleistungen entsprechend den Nationen angepasst werden. Während für die Preußen ab 1808 die obigen Angaben ebenfalls gelten, sollten sie für die Zeit vor 1808, für Österreicher, Russen und Briten (siehe auch deren wesentlich langsamere Verfolgung der geschlagenen Franzosen nach Waterloo), die ja alle bis zum Ende der Napoleonischen Epoche weiter bei der Magazinverpflegung verharrten, entsprechend verringert werden. Man geht sicherlich nicht fehl, wenn man für diese Länder die Marschleistungen der gemischten Verbände um 30 bis 50% mindert, abhängig vom zu simulierenden Feldzug. Bei der Kavallerie ist dies ein anderer Fall. Die obigen Angaben können für alle Armeen gelten, da unabhängig agierende Kavallerieverbände, z.B. als Vorhut, schon immer auf das Requisitionssystem vertrauen mußten und somit die Beschränkungen der Marschleistungen entfielen. Belegt wird dies durch die historischen Quellen über die einzelnen Feldzüge.

Zum Abschluß die Angabe der benutzten Quellen für die Artikelfolge:

  1. Moltkes Taktisch-Strategische Aufsätze, Hrsg. vom Großen Generalstab, Berlin, 1900
  2. Moltkes kriegsgeschichtliche Arbeiten, Hrsg. vom Großen Generalstab, Berlin, 1900
  3. Vom Kriege, Carl von Clausewitz
  4. Instruction für die österreichischen Generalstabsoffiziere
  5. Die Heerführung Napoleons, Frhr. von Freytag-Loringhoven, Berlin, 1910
  6. Der Krieg von 1806 und 1807, Höpfner, Berlin 1850
  7. Geschichte des Herbstfeldzuges 1813, Friederich, Berlin, 1903
  8. Die Schlacht von Austerlitz, Duffy, München, 1979
  9. Erzherzog Karl - Ausgewählte militärische Schriften, Frhr. von Waldstätten, Berlin, 1882
  10. Graf York von Wartenburg, Droysen, Leipzig, 1878
  11. Der Krieg in Deutschland und Frankreich in den Jahren 1813, 1814 und 1815, Plotho, Berlin, 1817

 

< Teil 1   Menü